Newsletter > Newsletter-Archiv > Newsletter 2009 > Newsletter 04b/09
newsletter_logo

Newsletter 04b/2009 | Sonntag, 14.Juni 2009 | Hugoldsdorf
> es folgt ein weiterer Newsletter in den nächsten Tagen

Hallo alle zusammen,


nach den lebendigen Freiraum- Pfingsttagen ist es ruhig hier im „Schloß“ in Hugoldsdorf. Die letzten Tage war es zuerst dunkel, kalt und es regnete – anschliessend hatten wir drei Tage Sturm. Das dritte mal seit dem wir 2007 hierhin gezogen sind, waren Maria, Friedel und ich für eine Weile alleine im „Schloß“ – ein Haus das zu groß ist, um sich zu dritt privat zu Hause zu fühlen … jetzt ist Nils von Yumendo eingezogen und Claudia aus Freiburg und Gottfried aus Hamburg vervollständigen die Runde der aktuell Anwesenden.


Die Geschichte hier ist eine Geschichte zwischen Menschen, Häusern und einem Ort. Durch die Baustelle entstehen Verbindungen bis in die Grundsubstanz dessen, was ein Haus ist und die offenliegende und an vielen Stellen noch rätselhafte Baugeschichte ist ein Zugang zur Geschichte der vergangenen Jahrhunderte. Die slawischen Vorfahren, der Wendenkreuzzug mit Heinrich dem Löwen und  Hugold II. von Bere im Gefolge, Gründung von Hugoldsdorf, die weitere Geschichte des Behrschen Adels, die Übernahme des Gutes durch die Familie von Gadow um 1700 bis diese durch die Bodenreform 1945 enteignet und vertrieben wurde und anschliessend die DDR-Zeit, die das Gut belebte, was uns sowohl deutlich aus den Umbauten als auch durch unzählige Schilderungen der Menschen aus dem Dorf entgegen kommt.

Im Moment ist somit der Vergangenheitsstrom integriert; im Hier und Jetzt verbinden wir uns immer konkreter mit der Baustelle, dem Gelände und dem Dorfleben, also mit den gegenwärtigen Aufgaben und Menschen, die um uns herum da sind. Mit dem Versuch einen sozialen Freiraum zu kultivieren, arbeiten wir an etwas Zukünftigem mit.

Unser Blick in die Zukunft sieht eine Gesellschaft, in der der Einzelne sich als Mithervorbringer finden kann und somit in seinem kreativen, schöpferischen, individuellen Potential angefragt wird; in der der Einzelne freiwillig Verantwortung übernimmt, weil er eine Antwort geben kann auf das, was ihm von aussen entgegen kommt; eine Antwort die zum Beispiel auch die Arbeit sein kann, die jemand in die Welt stellt.

Eine Gesellschaft, die sich auf mich einigt. Die sich einigt da, wo jeder sich selbst erlebt, findet, verliert und entwickelt. In der der Punkt in mir zum Verbindenden zum Anderen, zu jedem Anderen werden kann.


Unserer Ansicht nach war die Individualisierung innerhalb unserer Kultur keine Sackgasse, auch wenn die negativen Phänomene wie Egoismus und Isolation, die Trennung von Natur, Mitmensch und dem unbekannten Teil der Wirklichkeit die ganze Entwicklung nicht sehr fruchtbar erscheinen lassen.


Das Bedürfnis nach Wiederverbindung, nach einem Herauskommen aus der Verlorenheit in der Abgeschlossenheit meiner Selbst, scheint bei vielen sehr stark zu sein. Heilsam scheint es zu sein, wieder Gemeinschaften zu bilden, sich mit der Natur zu verbinden … sich im Großen und Ganzen wieder zu vereinigen. Aber haben wir verstanden, warum das alles so gelaufen ist? Kann es sein, dass zu früh der Rückweg angetreten wird und etwas Wesentliches auf der Strecke bleibt? Ich selbst vielleicht?


Der Freiraum, an dem wir arbeiten, ist ein Innehalten an diesem Punkt, an dieser Zuspitzung der Entwicklung. Im Zentrum steht zunächst als Frage die nach mir selbst – nach dem Ich – nach der freien Individualität. Eine Suche nach dem Grund auf dem ich lebe.


[Kassel, Hof Hauser, Mai 2009: Ich sitze in einer kleinen Runde mit Lehrern und Erziehern aus der Waldorfbewegung. Grund: Irgendwas stimmt so nicht mehr, wie wir Kindergarten und Schule machen und Erzieher und Lehrer ausbilden. Eine Suche im Gespräch nach einem Bild einer zukünftigen Schule. Frage mit Blick auf die Lehrer in einer solchen: Was bräuchte es? … Es bräuchte vor allem Lehrer , die einen Grund zu leben haben.]


Kann es sein, dass eine Gesellschaft ihren Lebensgrund verliert? Dass Menschen innerhalb dieser keinen Grund mehr finden können, warum sie morgens aufstehen sollten? Dass es eine Aufgabenstellung ist die ansteht, Gründe zu leben auszubilden? Welchen Bestand hat eine grundlose Gesellschaft? Eine grundlose Universität? Eine grundlose Schule?

Inzwischen habe ich verschiedene junge Menschen kennengelernt, die eben das nicht mehr finden konnten in der Schule: Einen Grund auf dem sie sein konnten; ein Grund der sagt: Du darfst sein! Du bist gewollt!; ein Grund auf dem sie sich sicher fühlen können, auf dem Selbstvertrauen entsteht … eine Schule die hilft, sich in sich selbst zu gründen.
Wäre in diesem Sinne die Hilfe zur Selbstgründung nicht eine viel nachhaltigere, wenngleich auch viel komplexere und schwierigere, Bildungsanstrengung als die Angleichung des europäischen Hochschulraumes oder die Standardisierung von Schulabschlüssen?

[Das „Schloß“ steht auf Eichenpfählen – sumpfiges Gelände. Keiner von uns hat sie je gesehen. Ein Dokument und Schilderungen von Zeitzeugen berichten davon. Die Pfähle müssen immer unter Wasser sein, sonst fault das Holz. In den 60er Jahren wurde die Beeck um eineinhalb Meter abgesenkt. Früher konnte man mit einem Stauwehr den Grundwasserstand regeln. Die Arbeit am Grund des Hauses gehörte zum Alltag; war bewusst. Jetzt ist der ganze Keller mit Betonestrich ausgegossen und die alten Luken, die es zur Sichtkontrolle der Fundamente geben sollte, sind verschwunden. [ Auf die Frage die wir im April zur Connect-Jugendtagung mitbrachten „Was ist zu tun?“ antworte die Gruppe um das Craft-Village aus Schweden: „Dig where yo stand!“ ] Genau das steht jetzt hier im Haus an: Spaten (und Vorschlaghammer) nehmen, graben, Böden aufmachen und suchen. ]


Viele Grüße aus Hugoldsdorf,

Florian
Maria und Friedel