Newsletter 06/2009

Freitag, 6. November 2009 | Witten
nebel

Hallo alle zusammen,

inzwischen ist es ruhig geworden in Hugoldsdorf. Unser Freiraum steht in gewisser Hinsicht auf Stand-By. Zum einen reichten die Kräfte kaum noch, die andauernde Präsenz zu halten und zum anderen kamen immer stärker Bedürfnisse nach Aufarbeitung, Reflektion, Standortbestimmung. Fragen nach Eigentum, Rechtsformen und Finanzen sind in Bewegung.

Seit Jahren treffe ich immer wieder auf Menschen in einer, für unsere Arbeit zentralen, Problemlage, die letztendlich der Grund dafür ist, warum wir das machen, was wir machen:

Es geht darum, dass auf unterschiedlichen Wegen zum Ausdruck kommt, dass man selbst in dem, wo man drinnen steckt, nicht vorkommt; man steckt in einem Leben - in Schule, Studium, Beruf etc. - in dem man das Gefühl hat, dass man selbst nicht drinnen ist. Als Folge schwindet unter anderem die Bereitschaft, dieses äußere Leben weiter mit zu tragen, in dem ich mich eben nicht als Selbst erlebe, was mich anscheinend auch nicht will, was gut auf mich verzichten kann. Es sind doch sowieso zu viele Schüler für einen Lehrer, zu viele Studenten an den Unis, zu viele andere Menschen, die Arbeiten wollen. Der Wunsch entsteht, einen Lebensweg zu finden der mich selbst beinhaltet.

Wie steht dieses menschliche Problem in unserer heutigen Zeit? Welche Bedeutung hat diese Frage neben Kriegen, Hunger, Gewalt; neben Umweltzerstörung und Wirtschaftskrise? Bin ich ein Luxusproblem der Wohlstandsgesellschaft? - oder finde ich mich damit an einer der vordersten Fronten der globalen Krise?

Wir brauchten drei Jahre, bis wir auf der Suche nach einer Schule von Morgen den Freiraum als Antwort fanden. Man kann auch sagen, dass wir von den einigen hundert jungen Menschen, die uns bei dieser Suche begleiteten, einen Auftrag entgegennahmen: einen Ort zu schaffen der dem Selbst des Einzelnen einen Schutz- und Entwicklungsraum bietet.

Mit unserem Freiraum versuchen wir alles, soweit möglich, auf das Selbst zu reduzieren; sprich alles aus dem Weg zu schaffen was die Gefahr birgt, dass der Einzelne selbst nicht vorkommt. Das betrifft z.B. feste Zeitpläne, ein Programm das sagt, was zu tun ist, feste Regeln für den Haushalt genauso wie feste Begriffe, Weltbilder oder Antworten ohne Fragen.

Freiraum sehe ich somit als die größtmögliche Reduktion auf das jeweils ganz individuelle, potentielle, latente Selbst in einem sozialen Kontext an einem bestimmten Ort … mit der Herausforderung, dass er von mir bzw. uns, die einen solchen Freiraum zur Verfügung stellen, genau das auch verlangt: so zu leben, dass ich selbst vorkomme.

Dieser Frage nach dem Selbst ist unser Freiraum gewidmet. Nicht dem abstrakt philosophischen Begriff allein, sondern vielmehr dem mehr oder weniger keimhaft Wirklichem in jedem Menschen. Die Beantwortung dieser Frage sehen wir primär bei jedem selber, womit ich mich und uns natürlich einschliesse. captura würde somit ganz nahe bei dieser Frage zu verorten sein und dort Quartier beziehen.

Viele Grüße aus Hugoldsdorf,

Florian
Maria und Friedel

Vergangenes in Kürze:

  • Von Mitte bis Ende September hatten wir eine 10. Klasse der Rudolf-Steiner-Schule Bochum zum Feldmess-Praktikum zu Besuch. Die Kulturbaracke bewährte sich als Unterkunft. Vermessen wurde das Gelände um den alten See im südlichen Teil, wo früher der Park war.
  • Anfang Oktober waren wir zum Mithelfen bei "An der Zeit Drey" in Dornach - einer "Verortung der Gegenwart durch Philosophie und Kunst" wo wir Café und Raumgestaltung übernahmen.
    > Fotoalbum

  • Anschliessend war eine Gruppe Oberstufenschüler aus Witten und Münster in Hugoldsdorf, die sich dort als Gruppe das erste mal trafen um sich auf ein Workcamp in Afrika vorzubereiten, dass im Frühjahr stattfinden wird.
  • Das Holzschutzgutachten für das alte Gutshaus liegt auf dem Tisch und eröffnet damit die nächsten Runde. Bald mehr dazu.
  • Simon Koolmann, der seit letztem Jahr immer wieder in Hugoldsdorf war, ist jetzt dauerhaft mit an Bord und renoviert sich gerade das Südzimmer über der Küche.

 

Wie geht´s weiter?

  • Friedel ist bis Weihnachten in Aachen und macht dort an der Waldorfschule eine Vertretung für eine Lehrerin, die kurzfristig ausgefallen ist.
  • In Hugoldsdorf stehen noch einige Baumaßnahmen an, aufräumen im Garten und Park und der Wald wartet zum Brennholz machen.
  • Inhaltlich werden wir uns in erster Linie dem Thema "Arbeit sucht Einkommen" widmen. Wir hatten ihn ja bereits für den vergangenen Sommer angekündigt - allerdings scheint jetzt erst die Zeit dafür da zu sein. Es soll eine kleines Büchlein über unsere Erfahrungen mit geschenktem Einkommen sein; über das Ermöglichen von notwendiger Arbeit auf zivilgesellschaftlicher Ebene; über das Schenken und seine Wirkung im Sozialen und es soll auch in den Blick nehmen, welche Erfahrungen die Menschen machen, die Geld schenken. Ergänzend dazu sehen wir Texte verschiedener Autoren, sei es aus dem Bank- oder Stiftungswesen, aus der Wirtschaft oder aus dem Kulturbereich.
  • Gegen Ende dieser "Winterarbeit" wird die Frage auftauchen, wann und wie wir den Freiraum wieder in Betrieb nehmen - schliesslich sprach ich ja oben davon, dass er momentan auf Stand-By steht. Daran drängt sich die Frage auf, die wir dann weiter vertiefen und kommunizieren können: Was heißt es, einen Freiraum zur Verfügung zu stellen? Was ist der Kern unserer Arbeit?

Zum Schluss noch ...

der Gedanke, dass ja der ganze Freiraum für sich alleine keine Bedeutung hat. Was in den letzten zwei Jahren in Hugoldsdorf von Interesse war, waren vor allem die einzelnen Menschen, die dieses Spielfeld ganz individuell bespielten, belebten und bereicherten.

Freiraum macht keinen Sinn, wenn sich nicht Menschen hineinstellen - doch kann er anregen, dass dieses "sich hineinstellen" vielleicht auf eine ganz besondere Weise erfolgen kann, unter anderem mit einem deutlichen inneren Ja.

Danke für´s mitspielen und auf bald,

Florian