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captura2004 - ergreife die Welt und dich selbst!

Begeisterung, Aufbruch, Anfang - so kann man die Stimmung beschreiben, die fünf Tage im Mai in Witten bei captura2004 zu spüren war. Aus dem ganzen Bundesgebiet waren zum Großteil Oberstufenschüler aus Waldorfschulen aber auch Schüler von Gymnasien, Lehramtsstudenten und angehende Waldorflehrer nach Witten gekommen, um dort mit den Studenten zusammen die "Schule von Morgen" zu entdecken. Insgesamt ca. 160 Teilnehmer. Fünf Tage feiern und arbeiten, Begegnung und Austausch, zuhören und seine Meinung sagen.

Im Mittelpunkt stand der einzelne Schüler mit seiner Lebenswirklichkeit, seinen Erfahrungen, seinen Problemen aber auch mit seiner eigenen Frage:"Was kann ich dazu beitragen, damit sich die Welt verändern kann?" - 10 Arbeitsgruppen bildeten die Gesprächswerkstatt"Schule". Moderiert wurden diese offenen Prozesse von Studenten, die sich damit wesentlich für ihre Tätigkeit als Lehrer qualifizierten. Einige Gruppen wurden darüber hinaus z.B. von Christiane Bäuerle vom Bund der freien Waldorfschulen oder von Peter Lüdemann-Ravit aus Pforzheim begleitet. Sechs Arbeitseinheiten bildeten den Rahmen für den Austausch über das Thema"Schule".

Ein häufiges Thema war das Lehrer-Schüler-Verhältnis. "Was kann ich als Schüler tun, dass der Lehrer gut sein kann?", war eine Frage. Gewünscht wird der Lehrer als lebendiger Partner, der er selbst ist und sich für den Einzelnen interessiert, als Helfer und nicht als thronende Urteilsinstanz. Ein Wunsch war auch, die persönlichen Standortbestimmungen gemeinsam mit dem Lehrer zu machen. Dabei waren die Schüler nicht nur fordernd, sondern immer selbstkritisch mit der Frage: "Was kann ich machen?" Eine weitere Überlegung entstand an dem Urbild des "verbarrikadierten Lehrerzimmers". Kann man nicht z.B. einen großen Arbeitsraum schaffen, wo Lehrer und Schüler zusammen arbeiten bzw. in dem Schüler zumindest ausdrücklich erwünscht sind?

Schule als Lebensraum, Verknüpfung von Schule mit der Welt oder die Frage der Abschlüsse waren weitere Themen. Eine Zusammenfassung aller Ergebnisse wird in der Abschlussdokumentation im Herbst erscheinen.

Wenn ich als einer der Veranstalter zurückschaue, erscheint mir der Blick auf die Art und Weise wie wir zusammengearbeitet haben als viel wesentlicher, genauso wie ich als Student in Witten/Annen in jedem Kurs nicht nur einen Inhalt, sondern auch eine jeweilige Unterrichtsmethode als Lerngegenstand habe. Bezeichnend dafür war Leistungswille, gegenseitige Achtung und Vertrauen. Die Begegnungen fanden auf gleicher Augenhöhe statt. Jeder war Lehrer und Lernender und es war ein grundsätzliches Interesse an dem Anderen vorhanden und damit auch ein großes Maß an Verantwortung für die Gemeinschaft. Das zeigte sich auch ganz äußerlich an z.B. sauberen Toiletten und nicht vorhandenem Müll. Auch gab es keine Probleme mit Alkohol oder anderen Drogen, obwohl ausgelassene Partys stattfanden. Einige Teilnehmer waren auch erstaunt, dass es keine Vorschriften gab, was man zu tun oder zu lassen habe. An dieser Stelle gaben wir den Schülern einen großen Vertrauensvorschuss. Gerade dadurch konnten die Schüler wahrscheinlich erst Eigenverantwortung übernehmen.

Wie schaffen wir es also, in den Schulen den Leistungswillen der Schüler fruchtbar zu machen bzw. welche Voraussetzungen müssen wir dafür schaffen? Spielt nicht die eigene Entscheidung des Schülers eine große Rolle? In unserem Fall die Entscheidung bei captura mitzumachen. Wie viel eigene Entscheidung verlangt es einem Schüler ab, das Abitur zu machen? Sollte sich ein Schüler nicht eher für seinen Abschluss entscheiden, seinen eigenen, der ihm gerecht wird? Und sollte über die Qualifikation nicht Derjenige urteilen, der einen jungen Menschen für seinen Ausbildungsplatz oder sein Studium sucht? Verhindert die Durchführung des Abiturs nicht eine zwangfreie, selbstverantwortliche Oberstufengestaltung an unseren Schulen? Und hat nicht mal jemand gesagt, dass Erziehung durch Zwang oder Angst kein Weg ist, und dass man als Waldorflehrer keine Kompromisse mit dem Unwahren machen soll?

Zurück zu captura2004.

Von Anfang an wollten wir eine schulformübergreifende Veranstaltung machen, um die Grenzen unserer doch sehr abgeschlossenen Waldorfwelt überschreiten. Das war im Vorfeld nicht einfach, oft stießen wir auf fehlendes Interesse bzw. Rückmeldungen und vereinzelt standen uns immer noch Vorurteile gegenüber, "Mit Waldorf-Ideologie will ich nichts zu tun haben!". Wir waren an Gymnasien und Universitäten, um für captura2004 zu werben. Immerhin waren dann zu unserer Freude ca. 10 % der Teilnehmer "Nicht-Waldörfler". So kam man auch über Waldorfschule und staatliche Schule ins Gespräch, wobei immer der Einzelne im Mittelpunkt stand, Schubladen spielten hier keine Rolle.

Gegen Ende von captura fand eine kleine Bildungsmesse statt. Es stellten sich verschiedene Schulkonzepte, Jugend- und Schulprojekte vor, die Lerne auf eine andere, neue Art gestalten und ausüben. So konnten sich die Teilnehmer genauer damit auseinandersetzten, wie Ideen konkret umgesetzt werden können. Von der Regiogeld-Schüler-Initiative "Chiemgauer Regional" oder der "Steinschleuder" über ein Portfolioseminar bis zu Modellen z.B. der Windrather Talschule oder der freien Schule Elztal gab es viele Austauschmöglichkeiten.

Eine rundum gelungene Veranstaltung. Und jetzt?

Der Wunsch nach Fortsetzung der Tagung kam von jedem Mitwirkenden. Erste Schülerinitiativen, die Veränderungsprozesse in den Schulen anregen wollen, haben sich wenige Tage nach der Veranstaltung gebildet, so z.B. an der Waldorfschule in Siegen. Die Initiatoren von captura2004 übernehmen die Betreuung und Beratung von Initiativen und Projekten und die Internetseite wird eine Plattform für den gegenseitigen Austausch und die notwendige Koordination anstehender Aufgaben. Alles Weitere wird sich zeigen.

Und noch etwas: captura2004 hat Schülern und Studenten Lust auf Schule gemacht!


Florian Lück

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